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Ton in Ton
Leseprobe
„Der Kerl hat was?“
Uschi Rankmann sprang von ihrem Töpferstuhl hoch.
„Er hat mir Nachhilfe empfohlen, Omi!“
Uschi Rankmann, 61 Jahre alt, stand mit Ton verschmierten Händen vor ihrer hübschen Enkelin und schüttelte ungläubig den Kopf.
„Dir? Nachhilfe in bildender Kunst?“ Dabei blies sie eine Locke aus der Stirn. Mit Schwung warf sie den Ton in die offene, mit Metall ausgeschlagene Kiste in der Ecke.
„Was bildet sich dieser Schnösel eigentlich ein? Na warte, der wird mich kennen lernen!“
Einerseits war Selina froh, eine so resolute Oma zu haben, andererseits machte sie sich Gedanken, was sie an Repressalien zu erwarten hatte, sollte Uschi Rankmann erst einmal bei ihrem Klassenlehrer Randale gemacht haben. Schließlich war er nicht nur ihr Lehrer in bildender Kunst, sondern auch ihr Klassenlehrer. Und sie würde die Zeit bis zum Abitur auf ihn angewiesen sein. Und auf seine Noten. Dabei fiel ihr vor allem ihre Mathenote siedend heiß ein. Schnell riss sie die Tür auf, stürmte die paar Treppenstufen nach oben und rief: „Oma! Oma, warte!“ Als sie die Haustür aufriss, hörte sie aber schon das Geräusch der schweren Harley, mit der Oma regelmäßig den Niederrhein unsicher machte. Uschi saß auf der Maschine mit Beiwagen wie eine griechische Kampfgöttin, ihr weißes Leinenkleid flatterte im Wind. Ein alter Armeehelm zierte ihren Kopf, ein paar silbrig glänzende Locken hatten den Weg in die Freiheit gefunden, umspielten ihren Kopf und gaben ihm etwas Herrschaftliches, Erhabenes.
Ganz kurz glaubte Selina sogar, Musik zu hören. Walkürengesang? Wagner?
Mit einem Knall schlug die gläserne Eingangstür hinten an, als Uschi Rankmann wenige Minuten später wie ein Rammbock in die Eingangshalle der Maria-Montessori Schule stürmte. Leichtfüßig nahm sie die paar Stufen, wandte sich nach rechts, riss mit einem Ruck die zweite Tür auf, neben der auf einem Schild‚ Oberstudienrat Walter Klöppke-Hermeling’ stand und machte erst Halt, als sie wenige Zentimeter vor des Studienrats Pult stand.
Oberstudienrat Klöppke-Hermeling war wesentlich weniger imposant als sein Name. Genaugenommen hatten seine ein Meter dreiundsechzig, sein kugelrunder Bauch und seine Glatze überhaupt nichts imposantes.
Dieser Eindruck wurde durch Uschis harsches Auftreten nochmals gemildert, so dass da eigentlich nur noch ein Männlein von gefühlten hundertdreiundzwanzig Zentimetern zitternd vor ihr stand.
„Herrrrrr Kollllegggeeee!“, brüllte Uschi, worauf Klöppke-Hermeling nochmals an Größe verlor.
Die komplette Geschichte und noch viele andere findet man in der Anthologie Mords-Niederrhein, erschienen im Leporello Verlag.
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