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Herr der Tapeten! Herr der Tapeten

„Guten Tag, kann ich was für Sie tun?“
Der nette Herr mit dem grünen Kittel sah mich professionell an.
„Ja, wissen Sie ...“, sagte ich und strahlte, „ich bin umgezogen ...“
„Herzlichen Glückwunsch!“
„Danke, ja, äh, ich muss da irgendwie, renovieren, verstehen Sie?“
„Da sind Sie bei uns gerade richtig. Wir haben alles, was das Heimwerkerherz begehrt. Haben Sie denn schon einen Plan?“
„Einen Plan? Aber wieso denn einen Plan? Ich weiß doch, wo ich wohne. Ich bin ja hier geboren und ...“
„Nein, nein, ich meine doch, ob Sie schon wissen, was genau Sie in ihrer Wohnung alles renovieren möchten.“
„Ach so! Hm, ganz geschickter Verkäufer, was?“
Dabei zwinkere ich ihm verschwörerisch mit dem linken Auge zu.
Er allerdings scheint mein Augenzwinkern missverstanden zu haben, schaut er doch jetzt etwas betreten zu Boden.
„Mein Herr, ich bin glücklich verheiratet“, bringt er leise hervor.
„Herzlichen Glückwunsch! Haben Sie mal ein Bild der Frau Gemahlin?“
Geschickt versuche ich so, dem Thema das Schlüpfrige wieder zu nehmen. Er geht nicht darauf ein.
„Welche Materialien schwebten Ihnen denn so vor?“
Er wird wieder geschäftsmäßig, das gefällt mir gar nicht.
„Schweben? Ich dachte mehr an, also, Tapeten, wenn Sie welche haben.“
Und schon habe ich das legere Lächeln wieder auf sein Gesicht gezaubert.
„Tapeten haben wir Tausende, ach was sag ich, Zehntausende! Da werden wir schon das Richtige für Sie finden.“
Ich wiegle ab: „Also, so viele wollte ich gar nicht. Eigentlich dachte ich nur an ...“
„Kommen Sie doch einfach mal mit, ja?“
Er nimmt mich wie ein kleines Kind am Arm und führt mich durch dieses Heiligtum für Heimwerker. So etwa muss sich ein fünfzehnjähriger Ministrant fühlen, der vom Papst persönlich durch den Petersdom geführt wird.
Mein Gott, was es hier alles gibt. Bohrmaschinen und Stichsägen sehe ich aufgereiht, dort gibt’s Farben, Lacke und Pinsel. Dann kommen wir in eine Abteilung mit Teppichen, Kacheln, Zement, Putzen und vielem mehr.
Ich fühle mich irgendwie geborgen. Vielleicht stimmt es ja doch, dass in jedem Mann, ja selöbst in mir, ein kleiner Handwerker steckt. Warum habe ich das denn nie entdeckt?
Wird aus mir irgendwann noch ein Stradivari an der Oberfräse? Ein Mozart der Handkreissäge?

Abrupt bleibt er vor mir stehen. Krieg ich jetzt die Augen verbunden, damit die Überraschung noch größer wird? Fast werde ich an Weihnachten erinnert.
Unauffällig sehe ich mich um und erwarte irgendwo einen Nikolaus, der „Hohoho, hier gibt’s Tapeten!“ ruft.
„Dummerle“, denk ich sofort über mich, wir haben August, wo soll denn da ein Nikolaus her kommen?
Doch jäh werde ich aus meinen Überlegungen gerissen.
„Taterataaaaa“, flötet mein netter, verheirateter Verkäufer und präsentiert mir eine unendlich lange Wand voller Tapetenrollen.
„Na, was sagen Sie jetzt?“
Jertr bloß keinen Fehler machen, sonst ist seine ganze Freude dahin.
„Das ist, also wirklich, äh, gigantisch, irgendwie“, versuche ich, seiner Begeisterung Tribut zu zollen.
„Gelle? Hier haben wir alles, was man zum Tapezieren braucht. Tapeten, Leim, Pinsel, Herz, was willst du mehr?“, ruft er freudig aus. Eine kleine Träne der Ehrfurcht rinnt ihm die Wange herunter.
Ich sehe mich überwältigt um und will ihm einfach eine kleine Freude machen.
„Wo sind denn die Tacker?“, frage ich schüchtern, einen Fingerzeig auf ein ganzes Regal voller Tacker erwartend.
Sein Lächeln verschwindet. Es gefriert förmlich in seinem Gesicht. Was hab ich nur falsch gemacht?
„Tacker?“ Mittlerweile hat er irgendwie einen etwas dämlichen Gesichtsausdruck angenommen. Etwa den, den ich von meinem Bäcker kenne, wenn ich ihn frage, ob seine Brötchen auch wirklich grätenfrei sind.
„Wieso denn die Tacker?“
„Na, zum befestigen der Tapeten. Die müssen doch irgendwie ... an die Wand, oder?“
Er lässt sich langsam, fast bedächtig rückwärts auf einem Holzkasten mit Zubehör nieder.
„Sie wollen unsere Tapeten“, dabei deutet er mit beiden Armen irgendwie hilflos auf die riesige Auswahl, „mit einem Tacker an die Wand tackern?“
Ich sehe, wie seine Augen feucht werden, sein Oberkörper fängt an, konvulsivisch zu zucken.
„Aber nein, das war doch nur ein Scherz!“, erkläre ich ihm, fieberhaft nach einer Lösung suchend. Sein Gesicht bekommt sofort wieder Farbe.
„Meinetwegen können wir sie auch nageln, wenn Ihnen das lieber ist.", fahre ich fort, „wo sind denn die Tapetennägel?“

Ich stand neben ihm und hielt seine Hand, bis die Krankenpfleger die Tür des Krankenwagens schlossen. Selbst dann hörte ich noch, wie er immer wieder schluchzend rief:
„Tackern! Er will sie tackern! Oder nageln!“
Kopfschüttelnd geh ich zurück in den Baumarkt, der mir jetzt so vertraut ist.
Und wie mache ich jetzt meine Tapeten fest?
Ob ich es mal mit Schrauben versuche? Wo ist der nächste Berater?

Herr der Tapeten ist unveröffentlicht.


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