HOME

Compuexe?

Der Herausgeber

Der Autor

Impressum

Mail

Hosting bei:

Free Internet Security - WOT Web of Trust

Die Farbe des Regenbogens

Die Farbe des Regenbogens Kai wusste, dass sein Ende nahte.
Ein, zwei Tage vielleicht noch.
Die Haare fielen ihm aus. Er war bleich, seine Haut fühlte sich so rau und knittrig an wie billiges Toilettenpapier. Seit einer Woche hustete er Blut und konnte die Nahrung nicht mehr bei sich behalten.
Merkwürdige Ironie des Schicksals, überlegte er. Er hatte Essen im Überfluss, konnte sich die edelsten Speisen leisten, musste aber alles gleich wieder loswerden.
Eine halbe Stunde noch. In einer halben Stunde würde das Jahr 2035 anbrechen.
Er hatte all seine Kraft darauf verwendet, das letzte Silvester seines Daseins noch zu erleben.
Seit Wochen war er nicht mehr aus dem Haus gegangen. Nur wegen der Rakete musste er einmal das Palais verlassen und in die Stadt fahren, um die verlassenen Städte zu durchsuchen.
Seitdem saß er im Salon und starrte auf die Uhr.
Den Spiegel im Badezimmer hatte er abgehängt. Er konnte die Pusteln nicht mehr sehen, die seinen Körper befallen hatten. Nachlässig wischte er sich mit einer edlen Tischdecke aus Samt Eiter und Blut aus dem aufgedunsenen Gesicht, wenn wieder eines davon aufgeplatzt war.

Neben ihm stand ein kleiner Schuhkarton mit Bildträgern.
Dreidimensionale Bilder aus glücklichen Tagen. Seine Frau war darauf zu sehen, seine zwei Kinder. Mit einem kurzen Knopfdruck blendete er die Bildinformationen ein. Aufgenommen am 13. März 2023 in Nizza, Südfrankreich. Lufttemperatur 25°, 16.10 Uhr am Nachmittag. Zwei Wochen vor der Katastrophe.
Fast zwölf Jahre war das jetzt her, dachte er wehmütig. Damals hatte er noch volles, dunkles Haar, halblang getragen, wie es gerade Mode war. Gedankenverloren fuhr er sich über den Kopf und hatte ein paar dünne, weiße Strähnen in der Hand. Es waren seine letzten.
Seine Kinder. Damals waren sie drei und fünf Jahre alt gewesen. Prächtige, liebe Kinder und seine wundervolle Frau Eva. Sie waren schnell gestorben, bestimmt waren sie das. Zumindest redete er sich das ein. Die ersten Tage hatte er noch versucht, nach ihnen zu suchen.
Vergeblich.

Kai sah auf die Uhr, noch zehn Minuten. Mit äußerster Mühe schleppte er sich auf den Balkon, wo er eine einzelne, fast einen Meter fünfzig große Rakete aufgestellt hatte. Die Beschreibung versprach ihm eine fünf Minuten lang andauernde Lichtkugel. Ganz weit oben, am Rande der Atmosphäre, in allen Farben des Regenbogens. Sie sollte sogar noch auf dem Mond zu sehen sein. Automatisch sah Kai hinauf in den Himmel. Seine rotgeränderten Augen wollten den Erdtrabanten noch einmal sehen.
Noch drei Minuten, zwei, eine. Genau um Mitternacht des 31.12.2034 drückte er mit seinen zittrigen Fingern, an denen schon die Fingernägel abgefallen waren, den roten Knopf am Sockel der Rakete.
Als sie hoch in die Luft stieg, lief ihm eine Träne aus dem rechten Auge, bahnte sich einen Weg durch die Kraterlandschaft, die einmal ein gutaussehendes Gesicht gewesen war und tropfte auf den Marmorboden des Balkons.
„Frohes, neues Jahr“, sagte er noch, dann sank der letzte Überlebende des Katastrophe in sich zusammen und war endlich erlöst.

Hätte in diesem Augenblick jemand vom Mond herab auf die Erde gesehen, wäre ihm aufgefallen, dass auf dem fast völlig zerstörten Kontinent Europa eine farbenfrohe, aber einsame Rakete bis hinauf in die Atmosphäre stieg. Sie kam vom Balkon einer verlassenen Villa, die jahrelang vom letzten Überlebenden des Atomschlages bewohnt worden war.

Aber, da oben war auch schon lange niemand mehr.


Zur Hauptseite

Meine Seiten:

Sagmal.de - Die Interviewseite mit Machern des WWW
Compadre.de - Wir machen Spass
Lebensgartenforum - Komm rein, mach mit!
Compuexe zwitschert auf Twitter.com/Compuexe
Antholog.de - Die Seite für Selbstverlag und Books on Demand
Lilien auf dem Felde - Der Regiokrimi von Robert Herbig, erscheint voraussichtlich im Herbst 2008 oder 2009


Freunde:

Ulrike Renk - Schriftstellerin Hausmeister-power.de Heimchen-Paradies.de Michastaxi.de Ulrike Renks Autorenecke - Lesen ist wie Atmen. Germaine Adelts Homepage Schreibbuero Christa Moll in Wesel Leporello Krimi Verlag in Krefeld Aktionsbündnis für faire Verlage Ina Coelen - Autorin und Verlegerin Krimi-forum - Die Seite für Krimifans Manuela Wetzel - Autorin