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Kompostella

Leseprobe

„Kahler Krempling!“
„Was?“
„Ich sagte: Kahler Krempling!“
„Zu mir?“
Elvira drehte sich langsam um ihre Achse und sah sich demonstrativ im ganzen Gewächshaus um.
„Zu wem sonst?“, sagte sie und zuckte die Schultern. „Siehst du hier noch jemanden?“
Freddy warf vor Wut eine leere Tonschale auf den Boden.
„Geht’s dir noch gut, ja? Nicht genug, dass du den ganzen Tag mit diesen schleimigen Dingern verbringst, jetzt nennst du mich auch noch so?“
Elvira sah sich den Schaden auf dem Boden an. Dann blickte sie Freddy direkt in die Augen. Meine Güte, dachte sie, als sie ihn betrachtete, wie konnte ich mich nur in diesen Kerl verlieben? Elvira war es leid, so leid. Seit sie Freddy kannte und mit ihm Tisch und Bett teilte, musste sie sich anhören, wie eklig er Pilze fand. Gerade sie, die aus einem Hobby ihren Traumberuf gemacht hatte, als sie hier in Niepkuhlen eine Pilzzucht eröffnete, traf das hart. Am liebsten hätte sie sich von Freddy wieder getrennt, aber er hatte sie finanziell unterstützt und sie war außerstande, ihm das in nächster Zeit zurückzuzahlen.
Er war der Sohn eines Industriellen aus Duisburg und studierte schon seit sechs Jahren mehr oder weniger lustlos Betriebswirtschaft.

Seit sie vor acht Monaten ein Paar wurden, war sie sehr dankbar für seine Großzügigkeit, die sie sich aber schwer erkauft hatte. Freddy wurde ihr immer lästiger, je mehr und je öfter er sich über ihre Pilzzucht aufregte. Außerdem war er jähzornig und ließ seinen Worten ab und zu auch Taten folgen. Das bisher schlimmste Erlebnis war eine regelrechte Vergewaltigung vor sechs Wochen in Elviras Gewächshaus, bei der Freddy sie einfach mit dem Rücken auf einen Strohballen gestoßen hatte und über sie hergefallen war.

Ruhig kehrte sie die Tonscherben zusammen und warf den Abfall in eine Tonne. Dann knöpfte sie ihre Schürze ab und löste ihr Haarband. „Ich muss duschen gehen, ich hab einen wichtigen Termin.“
Freddy grinste anzüglich. „Soll ich mitkommen? Demonstrativ hob er seinen rechten Arm und tat, als würde er an seiner Achsel riechen. Er zog die Nase kraus und sagte: “Ich könnte auch eine Dusche vertragen.“

Elvira schüttelte den Kopf. „Ich muss um 9:00 Uhr in der GAMU sein, das Seminar beginnt pünktlich.“ Freddy sah auf seine Rolex.
„Was machst du denn im Pilzinstitut?“ Elvira seufzte hörbar. „Heute ist ein interessantes Seminar über Aufzucht. Ich habe in der letzten Zeit ein paar Probleme mit meinen Kulturen. Ich hoffe, dabei genügend Antworten zu bekommen, damit ich so was in Zukunft vermeiden kann. Wir können uns gerne heute Abend sehen, wenn du Lust hast.“
Freddy schüttelte den Kopf. „Ich komme mit zum duschen und wasch dir den Rücken, Liebes, du hast ja noch so viel Zeit.“
Elvira holte tief Luft, widersprach aber nicht.

Kurz vor neun Uhr kam Elvira im Institut für Pilzforschung an. Sie hatte in den ersten Minuten Schwierigkeiten sich auf den Vortragenden zu konzentrieren, der zunächst freundlich die Teilnehmer des Seminars begrüßte. Sechs Frauen und vier Männer hatten sich eingefunden, um etwas über die Aufzucht und das Kultivieren von Speisepilzen zu erfahren. Ein Diavortrag mit einigen interessanten Neuheiten zog sie in ihren Bann, fast hätte sie Freddy darüber völlig vergessen.
In der kurzen Pause stand sie mit zwei weiteren Teilnehmern zusammen und trank eine Cola.
„Hast du das über den Toten in Irland gehört? Diesem jungen Litauer?“
Elvira hörte dem Gespräch der beiden nur mit halbem Ohr zu, dem Dialekt nach stammten sie aus dem Osten der Republik.
„Irland? Nein, erzähl.“
„Der hat seine Mutter besucht, die nach Irland gezogen war. Hat bei ’nem Pilzzüchter ausgeholfen. Sauber gemacht und so.“
„Und?“
„Er hat Pilzkompost eingesammelt und in einen Lastwagen geladen. Er ist an den Gasen erstickt.“
Jetzt wurde auch Elvira neugierig.
„Erstickt? Wegen des Komposts? War er denn irgendwo eingesperrt und konnte nicht raus, oder ...?“, fragte sie.
Der junge Mann, der die Geschichte erzählt hatte, schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, war nix mit eingesperrt. Die haben im Freien beladen.“ Elvira und der zweite Teilnehmer schüttelten unisono den Kopf.
„Wie kann man denn im Freien an Kompost ersticken?“
Ein Achselzucken war die Antwort. „Keine Ahnung. Stand so in einer irischen Zeitung. Ein Freund von mir hat mir das per Mail geschickt. Die beiden haben das Zeug auf einen Lastwagen geladen und der junge Litauer brach plötzlich zusammen und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ist an Schwefelwasserstoff erstickt.“ Dann sah er Elvira hoffnungsfroh an. „Noch ’ne Cola?“
Elvira verneinte dankend. Das Wort Schwefelwasserstoff ging ihr plötzlich nicht mehr aus dem Kopf. Pilzkompost? Schwefelwasserstoff? Den Rest des Seminars bekam sie nicht mehr richtig mit, immer wieder schweiften ihre Gedanken ab.

Radieschen von unten - Leporello-VerlagDie komplette Geschichte
und noch viele andere
findet man in
der Anthologie
Radieschen von unten,
erschienen im Leporello Verlag.


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