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Karls Rose

Leseprobe

"Oma Paula, schaust du mal durch, ob du diese Bücher noch brauchst?
Ich habe sie auf dem Dachboden gefunden und möchte sie gerne am Samstag auf dem Flohmarkt verkaufen."
Ihre Enkelin hatte ihr mehrere Bücher hingelegt, als sie einen Mantel vom Haken nehmend das Haus verließ. Neugierig geworden beugte sich Paula mühselig zum Tisch hinüber und schaute sich die Bücher an. Nichts besonderes, keine Bücher, die einen hohen Erlös bringen würden, einen Euro vielleicht pro Buch, sie kannte die derzeitigen Preise für Romane auf Flohmärkten nicht. Sie blätterte die Bücher nachdenklich durch. Bei zweien fehlte der Einband, in einem lag scheinbar noch ein Lesezeichen drin, weil sich die Blätter etwas in der Mitte wölbten und einen dünnen Spalt ahnen ließen. Als sie jedoch, neugierig geworden, das Buch an eben dieser Stelle öffnete, fiel es ihr fast aus der Hand. Das was das Buch gewölbt hatte, war kein Lesezeichen. Es war die Rose, Karls Rose.

Die Rose hatte über die Jahre schwer gelitten, ihre Farbe war verblasst, sie zeigte schwere Auflösungserscheinungen. Aber es war seine Rose.
Sie hatte Karl vor mehr als dreißig Jahren das letzte Mal gesehen, ihr Ernst lebte damals noch.
"Meine kleine Rose", nannte Karl sie damals, aber Rose, wie es die Amerikaner aussprechen, ganz weich, ganz zärtlich, ohne das "e" am Ende.
Er mochte den Namen Paula nicht, er hatte ihn nie gemocht. Sie hingegen hatte erst angefangen, eine Abneigung gegen ihren Namen zu entwickeln, als sie Karl kennen lernte. Sie waren damals beide Studenten an der Universität in Heidelberg gewesen und wussten, dass ihr Liebesverhältnis nach dem Studium zu Ende sein würde.
"Mein kleines Studienverhältnis hatte er sie immer genannt, ... mein kleines Studienverhältnis Rose!"

Sie kam aus der Nähe von Kiel und hatte vor, dort die Tierarztpraxis ihres Vaters zu übernehmen, Karl lebte in der Nähe von München und war als einziges Kind und Erbe reicher Eltern vorgesehen, die große Baufirma seines Vaters zu leiten. Beiden war von Anfang an klar, dass ihnen keine Zukunft beschieden war. Sie verdrängten es beide sehr geschickt, sie vermieden es, Pläne für die Zukunft zu schmieden, wie dies andere Paare tun. Es gab keine Zukunft. Es würde nie eine Zukunft geben. Es gab das Hier und das Jetzt, das musste reichen.

Als das Studium zu Ende war, beschlossen sie, sich einmal im Jahr, am letzten Wochenende im Juli, in Heidelberg zu treffen.
"Wir werden unsere Liebe aufrecht erhalten, meine kleine Rose", sagte Karl, "... auch über die große Entfernung hinweg."
Und dann schenkte er ihr zum Abschied diese einzelne, wunderschöne rote Rose.
„Solange du diese Rose behütest, wird unsere Liebe bestehen bleiben. Bewahre sie gut auf, du bist jetzt die Hüterin unserer Liebe“, sagte er zu ihr.

Sie trafen sich wirklich einmal jedes Jahr, meist an einem langen Wochenende, sechs Jahre lang. Und bei jedem dieser Treffen kam es ihr vor, als seien sie gerade erst auseinander gegangen. Als habe Karl wie ein normaler Ehemann morgens das Haus verlassen, um nachmittags wieder zu ihr zurück zu kommen.
Sechs Jahre lang ging alles gut. Dann eröffnete ihr der Arzt, dass sie schwanger sei. Erst war sie todunglücklich, wollte es nicht glauben. Dann aber, nach einem kurzen Überlegen, freute sie sich unbändig. Sie würde ein Kind haben. Ein Kind von Karl, ein Kind ihrer Liebe.
Sie wollte ihn sofort anrufen, sie hatte bereits den Hörer in der Hand. Dann überlegte sie. Nein, so ging das nicht, sie konnte ihm das nicht am Telefon sagen. Kurzfristig entschloss sie sich, ihm die freudige Botschaft persönlich zu überbringen.

Aufgeregt wie ein kleines Mädchen stand sie zwei Tage später vor seinem Haus, fast schon eine Villa und dort zögerte sie plötzlich. War es richtig was sie getan hatte?
Sie hatten fest vereinbart sich nicht zu sehen, außer zu ihrem Jahrestreffen. Und das war gerade mal etwas mehr als drei Monate her. Sie schalt sich eine Närrin. Was konnte es für einen besseren Grund geben, diese Vereinbarung zu brechen, als ein gemeinsames Kind?
Energisch drückte sie den Klingelknopf, auf dem sein Name stand. Sie hörte im Haus einen melodischen Klang. Nach einigen Augenblicken kamen leise Schritte zur Tür, eine junge Frau, etwa in ihrem Alter, öffnete und sah sie erwartungsvoll an.
"Ja?", fragte sie. Paula war etwas verwirrt, Karl hatte nie von einer Haushälterin gesprochen.
"Verzeihen sie, ist Karl zu Hause?" "Karl?", fragte die junge Frau. "Nein, er ist nicht zu Hause, er wird wohl auch erst spät nach Hause kommen. Kann ich ihm denn etwas ausrichten, Frau ...?"
„Berger, ...", sagte Paula, "... Paula Berger. Nein, es ist etwas sehr persönliches, das möchte ich ihm gerne selbst sagen."
"Wenn es wirklich so dringend ist, dann können Sie meinen Mann natürlich auch in der Firma erreichen!", erwiderte die junge Frau, wobei sie leicht die eine Augenbraue hob.
"Ihren Mann?", sagte Paula fast tonlos. "Karl ist ihr Mann?"
Kurzzeitig glaubte Paula, ihre Beine würden versagen.
"Ja, wir haben vor etwa einem Jahr geheiratet, kurz bevor unsere Tochter Petra auf die Welt kam. Woher kennen sie denn meinen Mann?", Die junge Frau war augenscheinlich misstrauisch geworden. Paula fasste sich wieder, es würde nichts bringen, dieser ihr fremden Frau ihren Schmerz zu zeigen.

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