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Der Wald ruft
Der Wald ruft und meine Frau hat sein Rufen ganz deutlich gehört.
Und wer musste darunter leiden?
Klar, ich. Gestern war ein schöner Spätfrühlingstag mit Temperaturen um 25°. also beschloss meine Angetraute, dass ich die Wände unserer Wohnung verlassen müsse, um an die frische Luft zu kommen.
Da sie diese Woche Urlaub hat, oder besser hatte, könnten wir doch auch mal etwas gemeinsam unternehmen.
Ein kleiner Spaziergang im Wald war angesagt.
Jetzt haben wir das große Glück, in einer Stadt mit einem herrlichen Wald zu wohnen. Meine Heimatstadt hat einen der schönsten und größten Exotenwälder Europas, wenn nicht den Schönsten, den Größten.
Und dort gibt es wunderbar angelegte Wanderwege.
Stufe eins, Stufe zwei und Stufe drei.
Ich habe mich spontan für Stufe eins entschlossen, da der mit 2,5 Kilometern der leichteste ist.
Soll ich ehrlich sein?
Ich glaube, die haben gemogelt. Die schreiben das mit den Längen doch nur, damit man denkt, so schwer könnten ja zweieinhalb Kilometer nicht sein.
Glöaubt mir, es waren mindestens zehn!
Eher fünfzehn!
Wir waren nämlich weit mehr als zwei Stunden unterwegs. Gut, wenn man die acht Pausen auf den Bänken berücksichtigt, waren es keine zweieinhalb Stunden, eher eine. Oder mindestens irgendwias zwischen 30 und 45 Minuten.
Zu Beginn unseres Marsches war ich noch ziemlich fit und freute mich auf die gesunde Waldluft.
Nach einer kleinen Weile jedoch freute ich darauf, mich auf die erste Bank zu setzen, die auch bald am Horizont auftauchte.
Gut, ich musste erst diese beiden Rentnerinnen verscheuchen, die allen Ernstes glaubten, die Bank besetzt zu haben, aber so wie ich auf sie zu stolperte, literweise Schweiß verspritzend, mit blutunterlaufenen Augen, schnaubend wie eine alte Dampflok, war das auch nicht schwer.
Die eine verlor bei der Flucht tatsächlich ihre Gehhilfe und konnte meinem grazilen, vor völliger Erschöpfung auf die Bank fallenden Körper mit letzter Kraft gerade noch ausweichen.
Die mit den fingerdicken Krampfadern faselte auf allen Vieren krabbelnd noch etwas von grauen Panthern, aber das war mir in dem Moment ziemlich egal.
Ich hatte meine ersten 500 Meter geschafft!
Nein, fragt nicht.
Nachdem wir nach einer ewigen halben Stunde Fußmarsch die zweite Bank erreicht hatten, wollte ich mir dort Telefon und Strom legen lassen.
Nie hätte ich gedacht, dass ich diese Bank noch einmal in meinem Leben verlassen würde. Nie!
Zumal meine Frau sich vehement weigerte, mich die restlichen zwei Kilometer zu tragen, was ich schon als kleine Frechheit empfand.
Als wir einige Stunden später den Wald verlassen hatten, ließ ich mich von ihr dazu überreden, auf der Schloßparkterasse noch kurz Rast zu machen. Ja, eine Rast hatte mein müder, geschundener Körper verdient. Immerhin hatte ich ihm etwas Gutes angetan.
Allerdings war ich nicht richtig ansprechbar, bis endlich mein bestelltes Pistazieneis kam.
Ich finde diese kleinen Zweiliterbecher einfach entzückend, Ihr auch?
Und heute sitz ich hier und habe einen tierischen Muskelkater.
Alles tut weh!
Und was sagt meine Frau?
Ich sei selber schuld, ich müsse einfach viel öfter im Wald mit ihr lustwandeln.
Sagt doch mal ehrlich, wer bin ich denn?
Tarzan?
Robert Herbig/2004
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