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An einem Morgen im April ...
Es war wieder der 13. April, als er das Zimmer öffnete. Kurz nach Fünf. Wie jedes Jahr in den vergangenen vier Jahren. Seit damals, als es mitten in der Nacht an der Tür klingelte und diese beiden Beamten in Uniform vor der Tür standen. Andreas hatte noch nicht einmal seinen Bademantel ganz zugebunden. Er fuhr sich noch schnell durch die Haare, als die Tür schon fast ganz offen war. Im Hintergrund hörte er Ina die Treppe herunter kommen. Auf der letzten Stufe blieb sie stehen.
‚Wie schön sie doch immer noch ist’, dachte Andreas mit einem kurzen Blick zurück, ‚trotz ihrer 48 Jahre.’
Einer der Beamten räusperte sich und sah verstohlen an Andreas vorbei Richtung Ina.
„Herr Andreas Spengler?“, fragte der andere.
„Ja. Was ... was kann ich denn für Sie tun, meine Herren, so spät? Ist etwas passiert?“
Die beiden Beamten sahen sich an als hätten sie ein schlechtes Gewissen, sie zu stören. Der Jüngere boxte dem Älteren leicht in die Seite. Der sprach weiter: „Haben Sie einen Sohn namens Christian?“
Andreas hörte hinter sich einen leisen Laut. Er sah sich um und sah Ina, die die Faust in den Mund gesteckt hatte. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Andreas sah wieder die beiden Beamten an.
„Christian, ja. Der ist oben in seinem Zimmer, soll ich ihn holen?“ Er wusste nicht genau, was er von dem Ganzen halten sollte.
„Hat er ... etwas angestellt?“
Der ältere Beamte schüttelte den Kopf.
„Herr Spengler, wir haben Ihnen leider eine schlimme Nachricht zu überbringen. Wir haben vor etwa einer Stunde am Fuße der Autobahnbrücke Ihren Sohn tot aufgef...“
„Neiiiiiiin!“ Andreas hörte Ina schreien, drehte sich zu ihr um und sah nur noch, wie sie auf der Treppe zusammensackte. Er sah wieder die Beamten an.
„Aber, das kann nicht sein, er liegt da oben ...“ Er deutete in den ersten Stock und stand immer noch wie angewurzelt da, als die beiden Beamten schon an ihm vorbei waren und sich um Ina kümmerten.
„Er ... er schläft, ich kann ihn holen ...“ Erst jetzt fühlte er eine kalte Hand, die sein Herz zusammen presste wie ein Schraubstock.
„Er ... er ist nicht tot. Er kann gar nicht ...“
Etwa eine Stunde später, die beiden Beamten hatten sich längst verabschiedet, der zu Hilfe gerufene Notarzt hatte Ina eine Spritze verabreicht und war wieder gegangen, saßen die beiden in der Küche und schwiegen sich an. Andreas versuchte, das Gehörte zu verstehen.
„Ihr Sohn hat einen Abschiedsbrief geschrieben, Herr Spengler, bevor er sich von der Brücke stürzte. Wussten Sie, dass er homosexuell war?“
Andreas schüttelte den Kopf. Er gab einen fast lustig klingenden Laut von sich.
„Mein Christian? Schwul? Nee, meine Herren, Christian ist nicht schwul, das wüsste i...“
„Doch, Andreas, war er“, sagte Ina leise, während sie sich ein kleines Stück Mull in die Armbeuge drückte. „Unser Sohn war schwul, schon seit vielen Jahren. Schon seit sehr vielen Jahren.“
Alle Farbe wich aus Andreas’ Gesicht, er war unfähig, etwas darauf zu erwidern.
„Ihr Sohn schrieb, er käme mit dem Druck nicht mehr zurecht.“
Der Beamte sah Ina direkt an. „Wissen Sie, was er damit meinte?“
Inas blickte zu Andreas, der starr vor sich auf den Boden starrte.
„Nein“, sagte sie, „ich habe keine Ahnung.“
„Warum hat er nie mit mir gesprochen?“, fragte jetzt Andreas endlich Ina.
Ina hatte er einen Kaffee gemacht. Sie saß auf dem Stuhl, hatte die Beine auf die Sitzfläche gestellt und umklammerte ihre Beine. Ihre Augen waren rotgerändert und tränennass.
„Mit dir? Mit einem Mann, der Schwule als kranke Schwanzlutscher bezeichnet hat? Als genetischen Abfall? Der von Schwulen behauptete, sie wären nur durch falsche Erziehung schwul geworden? Durch ein verdorbenes Elternhaus, mangelhafte oder fehlende Erziehung ... was hätte er mit dir bereden können. Was?“
Andreas schüttelte den Kopf. „Er hätte es probieren müssen. Ich hätte es verstanden. Schließlich war er doch mein Sohn ... er ...“ Seine Stimme war lauter geworden. Ina unterbrach ihn.
„Vor vier Monaten wollte er mit dir reden. Als er Benjamin kennen lernte.“
„Benjamin?“
Ina nickte. „Benjamin wollte, dass Christian reinen Tisch macht, sich outet und ihn heiratet. Als Christian das nicht schaffte, hat Benjamin sich von ihm getrennt.“
„Er hätte mit mir reden müssen“, erklärte Andreas trotzig. „Schließlich bin ... war ich sein Vater. Mein Gott, er war doch erst neunzehn, ich hätte schon eine Lösung für sein Problem ... Ina?“
Ina war aufgestanden, stellte Ihre Tasse auf die Spüle und ging nach oben. Andreas begrub sein Gesicht in seinen Händen.
Als Ina zwanzig Minuten später wieder herunter kam, trug sie ihr schwarzes Kostüm und hatte einen Koffer dabei.
„Ina, Liebes, was willst du denn mit dem Koffer?“
Ihr Blick war leer, als sie sagte: „Ich kann mit dir nicht mehr unter einem Dach leben. Du hast meinen Sohn in den Tod getrieben.“ Sie öffnete die Tür und ging hinaus. Andreas war eine ganze Weile unfähig, sich zu rühren. Als er sich endlich erhob und zur Tür hetzte, sah er gerade noch, wie Ina in einem Taxi davon fuhr.
Das war vor vier Jahren gewesen. Vor zwei Jahren gab es die Scheidung, seitdem hatte er Ina nicht mehr wieder gesehen. Christians Zimmer war noch immer so, wie damals, vor seinem Tod. Das Terrarium war leer, die beiden Echsen hatte Andreas an einen Freund von Christian verkauft. Einen Freund? Ob er auch einer von denen war ...?
Liebevoll rückte er die Bilder auf der Kommode zurecht. Fuerteventura vor acht Jahren, die Ferien in Tirol, ein Jahr danach. Eins von Christians Abifeier und mehrere Schnappschüsse einer Klassenfahrt nach Rom waren festgehalten. Das Bild von der Kirmes, auf dem beide zu sehen waren ... eine Stunde hatten sie gebraucht, bis sie endlich genau in die Mitte trafen, der kleine, schwarze Punkt, der die Kamera auslöste.
Andreas lächelte bitter. Er sah sich noch einmal um und ging nach draußen. Die Tür verschloss er sorgfältig, wie jedes Jahr. Er würde sie in einem Jahr wieder öffnen.
Am 13. April, morgens, kurz nach fünf Uhr.
Bisher unveröffentlicht.
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